GIESA, Karin, Pascal STERN, Magali STETTLER. Ein Pionier der Sozialgeographie. 3. Warum geriet Élisée Reclus in Vergessenheit?
2.Elisée Reclus’ Werk - "La Nouvelle Géographie Universelle"
3. Warum geriet Élisée Reclus in Vergessenheit?
Biographische Skizze
" Es gibt keine tiefere Würdigung der Reclusschen Konzeption als die von Sir Patrick Geddes. Für Geddes war sein Werk mit Sozialgeographie verbunden: in Reclus, sagte er, sei der Geograph mit dem Soziologen verbunden gewesen " (Beck 1982:145).
" Als Schwärmer für utopische Ideen hat er wohl in den Köpfen mancher Jünglinge Verwirrung angerichtet. Man darf aber nicht vergessen, dass er einen hervorragenden Rang in der Gelehrtenwelt einnahm und dass wir an der Bahre des grössten Geographen und Ethnologen stehen " (Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung, 6. Juli 1905).
" Er war einer der grössten Geographen Europas und gewiss der grösste Frankreichs im 19. Jahrhundert " (Beck 1982:146).
Liest man obige Zeilen, mag es doch verwundern, warum Reclus derart in Vergessenheit geriet.
Beginnt man sich mit Reclus’ Leben auseinanderzusetzen, erfährt man, dass Reclus als Beispiel eines Menschen und Wissenschaftlers gilt, bei dem der Zusammenhang zwischen seiner Herkunft, Jugend und Erziehung einerseits sowie seinem Denken und Handeln als Erwachsener andererseits besonders deutlich wird.
Reclus wurde in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren. Viele politische und soziale Ideen wurden hier entwickelt. Er fühlte sich zu den Anarchisten hingezogen und wurde einer ihrer Philosophen. Unter den Anarchisten des 19. Jahrhunderts war die Auffassung weitverbreitet, dass die Befreiung der Menschheit in erster Linie ein Resultat einer umfassenden Bildungs- und Aufklärungsarbeit darstellte. Reclus Werke zeugen von dieser Idee. Seine Geographie entwickelte sich damit zu einem Träger weltanschaulicher Überzeugungen.
Die Fragen, die Reclus im Bereich der sozialen und politischen Geographie berührt, stellen in der damaligen Literatur eine Ausnahmeerscheinung dar. Es gibt keinen anderer Geographen, der der Beschreibung von Krieg und Gewalt, Zwang und Unterdrückung, Armut und Elend, von kolonialer Ausbeutung und weiblicher Ungleichheit usw. in seinem Werk ähnlich viel Raum gewährt. Ebensowenig können wir Reclus einen anderen wissenschaftlichen Autor zur Seite stellen, in dessen Schaffen ein vergleichbares bildungsmässiges und aufklärerisches Anliegen auszumachen wäre. Diese Befunde lassen es als angebracht erscheinen, Reclus als Vertreter einer humanistischen Geographie zu bezeichnen (Jud 1987:204). Jud ordnet ihm somit in der Disziplingeschichte eine isolierte Stellung zu.
Auf die Frage, warum Reclus in Vergessenheit geraten konnte, obwohl er von vielen Autoren als den eigentlichen Begründer der modernen französischen Geographie gilt, führt Jud folgende Gründe auf: Seine wissenschaftliche Leistung sei bis heute nicht mit einer bestimmten geographischen Forschungsrichtung verbunden worden; er stehe nicht in einer akademischen Tradition (im Vergleich zu Paul Vidal de la Blache); sein Leben verlief sehr turbulent. Aufgrund seiner politischen Überzeugung musste er dreimal ins Exil, was seine Arbeit natürlich stark behinderte und dazu beigetragen habe, dass nicht er, sondern Paul Vidal de la Blache als der führende französische Geograph jener Zeit angesehen wurde. Hinzu kommt, dass Reclus seiner Arbeit keine Theorie voranstellte, manch einer stört sich daran.
Trotzdem kann Reclus sicher als einer der Begründer der Sozialgeographie bezeichnet werden. Es steht heute auch fest, dass die Idee der Sozialgeographie im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Für Beck (Beck 1982:145) ist der Geograph Reclus der " Erfinder " des Ausdrucks " géographie sociale ". Werlen meint, dass dies jedoch nicht ganz zutreffend sei. Denn Dunbar (1977) kann nachweisen, dass der Begriff " Sozialgeographie " vom Soziologen de Rousiers (1857 1934), einem Mitglied der Le Play-Schule, erstmals 1884 im Rahmen seiner Besprechung von Reclus’ ersten Band seiner monumentalen " Nouvelle Géographie universelle " (1876) verwendet wird. Reclus selbst übernimmt diesen Ausdruck zur Charakterisierung seiner Geographie erstmals in einem Brief, der mit 30. Januar 1895 datiert ist (Werlen 1995).