GIESA, Karin, Pascal STERN, Magali STETTLER. Ein Pionier der Sozialgeographie. 1. Biographische Skizze

1. Biographische Skizze

2.Elisée Reclus’ Werk - "La Nouvelle Géographie Universelle"

3.Warum geriet Élisée Reclus in Vergessenheit?

Disziplingeschichte und Forschungsansätze in der Geographie

Élisée Reclus - ein Pionier der Sozialgeographie.

 

1 Biographische Skizze

Karin Giesa, Pascal Stern, Magali Stettler

 

1.1 Herkunft, Familie, Jugendzeit (1830-1852)

Jacques Élisée Reclus wurde am 15. März 1830 in Sainte-Foy-la-Grande geboren. Die kleine alte Stadt an der Dordogne, im Südwesten Frankreichs, wurde im 16. Jahrhundert als kleines Genf mit der grösseren Schwesterstadt verglichen. Die Glaubenserneuerung durch Calvin brachte der Region eine Zeit der Blüte auf kulturellem und wirtschaftlichem Niveau.

Die Familie " Reclus war seit dem 16. Jahrhundert protestantisch. Sie war gegen den Strom geschwommen und hatte infolge ihres Überlebens nach Jahrhunderten der Glaubensverfolgungen einebesondere Widerstandskraft erlangt " (Beck 1982:123). Der Vater Élisée’s war Pastor, lebte getreu der Bibel und folgte ihr derart, dass er heiliges Wort und eigenes soweit deckte, wie es einem Menschen nur möglich sein kann. Nicht mit Unrecht wurde er als Prophet und Heiliger verehrt. Die Mutter, aus begüterter Familie und mit adeliger Verwandtschaft hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen und war sehr gebildet. Sie beschränkte sich nicht nur darauf, den grossen Haushalt zu führen und ihre vielen Kinder zu erziehen, sie hatte deren zwölf, sondern eröffnete nebenher noch eine Privatschule für Ausbildung und Erziehung junger Mädchen.

Zum auffälligen sozialen Engagement der meisten Reclus-Kinder mag neben dem väterlichen und mütterlichen Vorbild jedoch auch die Erziehung in der Grossfamilie beigetragen haben. Der Vater hielt es für richtig, dass seine Kinder in den Genuss einer auf reinsten christlichen Idealen aufbauenden Schulbildung kamen und übergab seine ältesten Kinder der Obhut der Herrnhutter Brüdergemeinde, die in Neuwied am Rhein eine Schule unterhielt. Als Zwölfjähriger trat Élisée in diese Knabenanstalt ein, dort wo schon Élie, seinem älteren Bruder, vor allem Sprachen (Latein, Deutsch, Französisch, Englisch) aber auch Rechnen, Geschichte und Geographie sowie Zeichnen beigebracht wurde. Immerhin erwarben sich die beiden Brüder in zwei Jahren einen soliden Grundstock an Sprachwissen. Später kamen noch Spanisch, Italienisch und Russisch hinzu. Diese bemerkenswerten Sprachenkenntnisse haben die spätere wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit der beiden ausserordentlich gefördert. Die hervorragenden Deutschkenntnisse eröffneten ihnen später den Zugang zur damals international führenden wissenschaftlichen und intellektuellen Welt Deutschlands. In dieser Hinsicht dürfen sie unter ihren francophonen Zeitgenossen als Ausnahmeerscheinung betrachtet werden.

Die fünf Brüder.
Elisée: 2e links

Nach dem Erwerb des Baccalauréat trat er 1848, zusammen mit seinem Bruder Élie, in die protestantische Universität von Montauban ein, um sich dem väterlichen Willen entsprechend, zum Pastor ausbilden zu lassen. Das Theologiestudium befriedigte beide zu wenig und so zogen sie sich schliesslich zusammen mit einem Freund auf ein Eigenstudium zurück, wo sie eine ausgedehnte Lektüre philosophischer, religionskritischer, zum Teil sozialistischer Schriften betrieben.

Für ein unerlaubtes Fernbleiben vom Vorlesungsbetrieb - die beiden hatten heimlich eine Wanderung ans Mittelmeer unternommen - wurden sie von der Universität relegiert. Ohne diese unnötige und übertriebene Massnahme wäre Élisée wahrscheinlich Pfarrer geworden.

Nach einem Jahr als Französischlehrer in Neuwied ging Reclus auf Rat eines Kollegen für theologische Studien nach Berlin, wo er sich mit Privatunterricht über Wasser hielt. Sein grosses Erlebnis an der Humboldt-Universität hiess Carl Ritter, der " Doyen der Geographen " (E.F. Jomard, zit. in: Jud 1987:19). " Ein fest im Glauben verwurzelter Christ, der seine Einstellung offen im Hörsaal bekannte, dessen geographisches Denken eindeutig auf Gott bezogen war " (Beck 1982:125). Bei Ritter fand Eliseé die in ihm vom Vater angelegte christliche Humanität in ebenso reiner Form wieder. Er lehrte dessen Werk kennen drang in den Geist der gewaltigen " Erdkunde " ein und entzündete sich an ihr. Reclus erkannte die neu gesehene Problematik Erde-Mensch und wurde zum Geographen.

Etwa zur selben Zeit wandte sich Élisée auch vom Christentum ab und bekannte sich zum Anarchismus.

 

1.2 Die Reisen der Jahre 1852-1857

Der Staatsstreich des dritten Napoleon im Dezember 1851, welche das Schicksal der zweiten Republik besiegelte, trieb die beiden jungen Republikaner aus Furcht vor einer drohenden Verhaftung ins Exil. Beide hatten den politischen Umsturz nicht stillschweigend hinnehmen wollen und beteiligten sich an der Organisation des Widerstandes. Die beiden Brüder flohen nach England. In London lebten Élisée und Élie erstmals im Milieu politischer Emigranten, das von nun an ihr Schicksal werden sollte.

Mit Hauslehrerstellen schlugen sie sich durch, um in der zweiten Hälfte des Jahres 1852 nach Irland überzusiedeln. In der Nähe von Dublin nahm Élisée eine Anstellung als Reorganisator eines heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gutes an. Hier und in den folgenden fünf Jahren seines Exils stellte die Landwirtschaft sein wichtigstes Tätigkeitsgebiet dar. Die in Westirland gemachten Naturerlebnisse bildeten den Anlass für die ersten Skizzen zu seinem Werk ‘La Terre’. Später reiste Élisée weiter nach Amerika in der Hoffnung in der Neuen Welt, speziell im fernen Südamerika eine eigene Existenz nach seinen idealisierten Vorstellungen aufbauen zu können. Auf einer strapaziösen Erkundungsreise in die Sierra Nevada von Santa Marta (Kolumbien) gelangte er schliesslich in ein Hochtal, das ihm für sein Kolonisationsprojekt geeignet erschien. Das Unternehmen scheiterte jedoch schon bald, nachdem Reclus in grosse finanzielle Schwierigkeiten geraten und dazu noch an Malaria erkrankt war. " Seine Vorstellungen von einem unbeschwerten Leben, ‘das ein Vegetarier wie ich’ im tropischüppigen Gebiet des oberen Amazonas führen könnte " (Jud 1987:22), hatten sich als Illusionen erwiesen. Die Unerträglichkeit seiner Isolierung und Einsamkeit bewog ihn, seine Pläne endgültig zu begraben und nach Frankreich zurückzukehren.

 

1.3 Wieder in Frankreich: die Pariser Jahre (1857-1872)

Nach dem eher unglücklichen Verlauf des Amerika-Abenteuers und seiner Wanderzeit folgten vierzehn fruchtbare Jahre in Paris. Mit vielen geographischen Arbeiten beschäftigt, " heiratete er im Dezember 1858 eine ‘junge und schöne Mulattin’, Clarisse Briant, Tochter eines Kapitäns und einer Senegalesin " (Beck 1982:128). Diese Verbindung war für die damalige Zeit zumindest als ungewöhnlich zu bezeichenen, für Reclus selbst aber beispielgebend. Er konnte somit in Wort und Schrift umso besser (rassische) Vorurteile bekämpfen. Von nun an rissen Élisées geographische Publikationen nicht mehr ab. Seine Aufsätze verdichteten sich zu Büchern. Er übersetzte Carl Ritters Abhandlung über die Konfiguration der Kontinente. Auch dachte er über die Einwirkung des Menschen auf die Physische Geographie nach und machte sich über den aufflammenden Sezessionskrieg, ebenso über Pfahlbauten in der Schweiz wie über das Mormonentum in den USA Gedanken. 1861 erschien sein erstes Buch über die Sierra Nevada de Santa Marta. Insgesamt könnte man sagen, dass der Geographe Élisée Reclus von nun an sich nicht mehr übersehen liess. Abgesehen von einigen beiläufig erteilten Nachhilfe- und Privatstunden ist sein Wunsch aber, Geographie zu unterrichten, nicht in Erfüllung gegangen. Dagegen nahm seine publizistische Tätigkeit, der Journalismus, schon bald seine ganze Arbeitskraft und Zeit in Anspruch.

Reclus’ Journalisten-Tätigkeit begann mit der Mitarbeit an den ‘Guide Joanne’, einer Reihe von Reiseführern, die vom renommierten Pariser Verlagshaus Hachette herausgegeben wurden. Im Auftrag dieses Verlages hat Élisée ausgedehnte Reisen unternommen, die ihn unter anderem auch in die Schweiz führten. Der Reiseführer ist damals literarisch-geographische Form geworden und bis heute geblieben. Die Mitarbeit in diesem international tätigen Verlagsunternehmen " war ein Erfolg für den aus der fernsten Provinz und Südamerika zugereisten Reclus, der keine normale Studienlaufbahn, keine offizielle Stellung, keine grösseren literarischen Leistungen aufweisen konnte und nur ein blutarmer junger Mann mit notorisch sehr republikanischer und antibourgeoiser Gesinnung war " (Max Nettlau, zit. in: Jud 1987:22). Reclus’ Verbindung mit dem hochangesehenen Hause Hachette war für ihn von ausserordentlicher Bedeutung, denn sie verschaffte ihm vorerst ein regelmässiges Einkommen und damit materielle Sicherheit. Bei Hachette & Cie erschienen später weitaus der grösste Teil Reclus’ Schriften, darunter vor allem diejenigen Werke, die seinen Ruf als hervorragenden Geographen des 19. Jahrhunderts begründeten. Anzuführen sind primär die beiden ersten Teile seiner Trilogie, ‘La Terre’ und ‘Nouvelle Géographie Universelle’ (N.G.U.).

Eines kann an dieser Stelle schon deutlich gesagt werden: Forschungsreisender ist Reclus nie gewesen, ihm genügten Besichtigungsreisen, durch die er einen beträchtlichen Teil der Welt kennen lernen durfte und seine Blick für die Landschaft und die Werke der Menschen schärfte. " Seine Persönlichkeit war auf gedankliche und schriftstellerische Arbeit ausgerichtet " (Beck 1982:128).

Zwischen den neuen Schreibplänen und den Versammlungen der Geheimen Gesellschaft ‘Fraternité Internationale’, wo Élisée als Anarchist dazu gehörte, musste die Macht des Kaiserreiches ertragen werden. " Während eines Kongresses der Friedens- und Freiheitsliga wurde Élisée vom Zuhörer zum Handelnden, als er das Wort ergriff und über den Föderalismus redete: Nach Zerstörung aller Grenzen und Verwaltungseinrichtungen sei es eine Sache der Individuen, sich nach ihrem BÉlieben zu organisieren. Als Geograph hatte er die Grenzen studiert, die er als Anarchist, der sich nach der föderativen Republik der ganzen Erde sehnte, beseitigen wollte " (Beck 1982:129). In dieser Zeit wachsenden revolutionären Fiebers erschien 1868 der erste Band von ‘La Terre’, der zweite folgte ein Jahr später. Auch starb inmitten seiner Weltverbesserungspläne seine Frau Clarisse nach der Geburt eines schnell dahingerafften dritten Kindes. " Dieser doppelte Tod war wohl der schwerste Schlag in Reclus’ Leben " (Jud 1987:22).

Nachdem das Kaisertum der dritten Republik gewichen war und im deutsch französischen Krieg die Einkreisung von Paris erfolgte, unterzeichnete Élisée mit seinen Brüdern den Aufruf zur Wahl der Commune, " um zu einer Regierung zu kommen, die den Republikanern tödlichen Streit untereinander ersparen sollte " (Beck 1982:130). Élisée beteiligte sich aktiv an der Commune und wurde auf dem Plateau von Châtillon von den eigenen Truppen aus Versaille gefangengenommen. Reclus’ frühe Gefangennahme und Abtransport nach Brest kann als Glücksfall bezeichnet werden. Hier war er vorerst sicher vor den mordenden Versaillertruppen, die in Paris eine blutige Abrechnung unter der aufrührerischen Bevölkerung durchführten und 35’000 Pariser Bürger töteten. Als er nach rund einjähriger Haft zur Deportation nach Neu-Kaledonien verurteit wurde, wandten sich mehrere Geographische Gesellschaften und einige der grössten Gelehrten Europas besonders aus England mit einer Petition an die französische Regierung, die harte Strafe in eine einfache Ausweisung umzuwandeln. Unter den sechzig unterzeichnenden Wissenschaftlern aus England befanden sich so bedeutende Leute wie Charles Darwin und Alfred Russel Wallace. Die Petition erreichte ihr Ziel, so dass Reclus’ Verbannung nach Neu-Kaledonien zu Gunsten einer zehnjährigen Landesverweisung umgewandelt wurde. Gerettet hatte ihn nicht die eigene Unterwerfung oder Diplomatie, sondern einzig die öffentliche Meinung, der sich die französische Regierung beugte.

Für sein zweites Exil wählte Élisée Reclus die Schweiz.

 

1.4 Emigrant in der Schweiz (1872-1890)

Für den gut vierzigjährigen Mann bedeutete die Landesverweisung den Verlust seines privaten Bekanntenkreises und aller seiner Freunde unter den Gelehrten der französischen Hauptstadt. Er sah sich des wissenschaftlichen Forum beraubt, wie die Pariser Geographische Gesellschaft ihm eines geboten hatte. Seine ganze zukünftige Tätigkeit als Geograph und Publizist war ernsthaft in Frage gestellt, und dies wo es doch galt, eine Familie zu ernähren.

Natürlich zog es Élisée nach seiner Ankunft in der Schweiz zu seinem Bruder, der mit seiner Familie nach Zürich geflohen war, " einer Stadt, die sehr reich an Büchern und Schulen ist " (Jud 1987:33). Dort lernte er den jungen Albert Heim kennen und besuchte dessen Vorlesung an der ETH. Als Hörer und Autodidakt bemühte er sich so um die im fehlende geologische Grundlage. Reclus und Heim verband eine lebenslange Freundschaft und ein Meinungsaustausch über verschiedene Fragen aus ihren Tätigkeitsbereichen. Der Zürcher Geologe ermöglichte durch seine Vermittlung auch denBeitritt Reclus’ zum ‘Zürcher Kartenverein’, der über e ine wertvolle Sammlung von Karten aus aller Welt verfügte. Diese waren für Élisée, wegen der Arbeit an der grossen Länderkunde von grosser Bedeutung. Als Dank hat Reclus dem Kartenverein später zahlreiche Karten geschenkt.

Im Tessin begann er die Arbeit an seiner monumentalen ‘Nouvelle Géographie Universelle’, die ihn während der folgenden zwei Jahrzehnte ganz in Anspruch nahm. Das Werk war nach Reclus’ eigenen Worten " eine Art Enzyklopädie, die in einzelnen Teilen zum Preis von drei oder vier Sous erscheinen sollte. " Insgesamt sind 19 grossformatige Bände von je rund 800 Seiten entstanden. Sie stellen gewissermassen " den letzten Widerhall der klassischen Periode dar, als ein einziger Gelehrter noch das ganze verfügbare Wissen über die Erde als der Heimat des Menschen darbieten konnte ". Hier wird Reclus als Uomo Universale in der Geographie unverkennlich. Da er von allem Anfang an die Beilage zahlreicher Karten, Pläne und Bilder plante, um seinem Werk einen eigenen Charakter zu verleihen, mussten ausgewiesene Fachleute gewonnen werden. Die isolierte und abgeschiedene Lage im Tessin und der tragische Tod seiner zweiten Frau im Februar 1874, bewog Élisée zur Übersiedelung an den Genfersee. Er suchte einen neuen Wohn- und Arbeitsort mit mildem Klima in der Nähe eines wissenschaftlichen Zentrums. Auf Anraten Albert Heims entschied er sich schließlich für La Tour-de-Peilz am oberen Genfersee. Hier bahnte sich auch die erfolgreiche Mitarbeit mit dem Genfer Kartographen Charles Perron an. Noch im selben Jahr trat Reclus der Genfer Geographischen Gesellschaft, der ältesten schweizerischen Vereinigung dieser Art, als Mitglied bei. Reclus’ Einfluss auf das intellektuelle Leben der Westschweiz und auf die Entwicklung der schweizerischen geographischen Wissenschaften kann folgendermassen umschrieben werden: Dank seiner Ausbildung in Deutschland, seinen Sprachkenntnissen hat er den Zugang zur deutschen Geographie gefunden, die er offenbar als in mancher Hinsicht führend kennengelernt hat. Mit " seinem weiten wissenschaftlichen Horizont, der auch die deutsche Geisteswelt umschloss, stellte er unter seinen francophonen Zeitgenossen eine Ausnahmeerscheinung dar " (Jud 1987:40). Élisée Reclus hat daher im internationalen wissenschaftlichen Austausch eine wichtige Vermittlerrolle übernehmen können. Dazu hat sicherlich auch seine von nationalen Vorurteilen freie Haltung entscheidend beigetragen. " Sein Einfluss als Miterbe und Förderer des Ritterschen Gedankengutes erstreckte sich auf alle francophonen Länder und auf die Westschweiz im besonderen " (Jud 1987:41). Hier fand seine ‘Nouvelle Géographie Universelle’ eine aussergewöhnlich starke Beachtung. Es ist kein Zufall, dass durch diese Popularisierung des geographischen Wissens sich auch einheimische Autoren eng an Reclus anlehnten und seine Erfolgswerke als Vorbilder betrachteten. Die ‘Géographie générale illustrée’ des Genfers W. Rosier, ein reichbebildertes Lehrbuch für den Geographieunterricht, ist vielleicht das beste Beispiel dafür.

Im politischen Umfeld Genfs, das im 19.Jahrhundert nicht nur ein Zentrum der Kultur- und Wissenschaft, sondern auch Anziehungspunkt vieler Commune-Flüchtlinge und russischer Emigranten war, vertiefte Élisée seine weltanschaulichen Überzeugungen. Dabei entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Vertreter des kommunistischen Anarchismus jener Jahre, das heisst eines Anarchismus " in seiner zugleich freiesten und solidarischsten Form " (Nettlau, zit. in: Jud 1987:44). 1874 trat Reclus der ‘Juraföderation’ bei, die sich die Ausgestaltung des sozialistischen Anarchismus als Hauptaufgabe gestellt hatte. Seine damalige Freundschaft mit den beiden Exilrussen Peter Kropotkin und Léon Metchnikoff war auch im Hinblick auf die Redaktion der ‘Nouvelle Géographie Universelle’ von grosser Wichtigkeit.

1879 bezog Reclus das aus den Mitteln seiner dritten Frau, Ermance Trigant-Beaumont, erbaute Haus in Clarent, das er bis zu seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahre 1890 bewohnte.

 

1.5 Paris und Brüssel (1890-1905)

Wieder zurück in Frankreich stand Reclus auf dem Gipfel seiner Laufbahn. " Seine Persönlichkeit und seine Werke, allen voran die monumentale Länderkunde, die sich ihrem Abschluss näherte, hatten ihm internationale Berühmtheit verschafft. Zahlreiche Geographische Gesellschaften zeichneten ihn mit ihrer Ehrenmitgliedschaft aus " (Jud 1987:45). Die ‘Societé de Géographie (de Paris)’ zeichnete Élisée Reclus " für sein geographisches Gesamtwerk und im besonderen für seine ‘Nouvelle Géographie Universelle’ " (ebd.) mit der Grossen Goldmedaille aus, welche bis anhin nur an ‘aussergewöhnliche Reisende und Entdecker’ verliehen worden ist.

1892 erhielt Reclus von der Freien Universität Brüssel einen Lehrauftrag für Vergleichende Geographie, den er wegen politischer Ereignisse und seiner anarchistischen Gesinnung nie angetreten hat. " Nach mehrwöchigem Hin und Her - es wurden Komitees gebildet Protestveranstaltungen durchgeführt und Resolutionen verfasst - begann im Frühling 1894 eine Vorlesungsreihe ausserhalb der Universität, in welcher Reclus zehn geographische Vorträge hielt. Während des Sommerhalbjahres bereiteten die abtrünnigen Professoren und Studenten die Gründung einer neuen Hochschule vor " (R. Jacqmot, zit. in: Jud 1987:47), der Élisée Reclus von Anfang an angehörte. Bei seinem ersten Kurs an dieser ‘Université Nouvelle de Bruxelles’ wurde Reclus am Eingang beinahe erdrückt. " Doch blieb ein kleines Stück von ihm übrig, und gerade weil er ‘nur von Geographie’ sprach, deutete er zwischen den Zeilen manches an in dieser ersten Stunde seiner Vorlesung über ‘Vergleichende Geographie in Raum und Zeit " (Beck 1982:134).

 

1.6 Hinwendung zur Kartographie

1886 regte Reclus die Schaffung eines Weltatlas mit 38 Karten in einem Einheitsmassstab von 1:10 Mio an. Seine kartographischen Projekte verfolgten immer das Ziel, die Erdoberfläche möglichst wahrheitsgetreu abzubilden und seinen eigenen kartographischen Arbeiten jenen Wahrheitsgehalt (caractère de vérité) zu verleihen, der seinem Empfinden nach den allermeisten übrigen Karten abging. Aus diesem Bemühen um eine wahrheitsgetreue, einheitliche Darstellung der Erdoberfläche heraus entwickelte er den sogenannten ‘Atlas globulaire’. Dieser hätte die Vorzüge der Karte mit denjenigen eines Globus vereinigen sollen. Eine redimensionierte Stufe dieses Projektes, die ‘Disque globulaire’, wurde auch tatsächlich verwirklicht Élisée Reclus’ bekanntestes Globusprojekt war der Plan, für die EXPO von 1900 in Paris einen Riesenglobus im Massstab 1:100’00 zu errichten. Dieser Globus hätte die eigentliche Attraktion dieser Weltausstellung werden sollen, dem elf Jahre früher errichteten Eiffelturm vergleichbar.

Zur Finanzierung seiner geographischen und publizistischen Projekte gründete Reclus im Jahr 1898 eine Aktiengesellschaft. Die Wissenschaft und die Wirtschaft sollten sich die Hand geben können damit die Forschungsresultate auch in die Praxis umgesetzt und für die Industrie nutzbar gemacht werden können. Das Unternehmen, welches verheissungsvoll begonnen hatte, scheiterte jedoch schon nach wenigen Jahren kläglich und hinterliess dem Initiator grosse Sorgen und drückende finanzielle Verpflichtungen. Auch seine Ehe mit Frau Ermance zerbrach an deren freudlosem Skeptizismus. Sie wurde auf ihren Wunsch äusserlich aufrechterhalten, in Wahrheit weitergeführt mit einer Hörerin eines Kolleges.

 

1.7 Der Abschluss der " Trilogie "

Während seiner letzten Jahre war Reclus mit der Redaktion seines dritten grossen Werkes ‘L’Homme et la Terre’ beschäftigt. Seine Vorlesungen an der ‘Université Nouvelle’ bildeten dazu das Fundament, doch den Plan zu diesem Werk hatte schon Jahre zuvor in seinem Kopf Gestalt angenommen. Seine Arbeit musste durch viele Ruhepausen unterbrochen werden, litt er doch schon seit den achtziger Jahren an Angina pectoris. Dieses letzte Werk sollte das Fazit seines langen vielseitigen Forscherlebens, die Summe seines Wissens und die Schlussfolgerungen seiner Beobachtungen enthalten. " Es sollte antworten auf die alte Frage nach der wechselseitigen Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt " (Jud 1987:52). " Der Geschichte, Soziologie, und Psychologie kommen in diesem Werk notwendigerweise besondere Bedeutung zu, denn im Mittelpunkt der darin angestellten Betrachtung steht der Mensch " (ebd.:53). Damit ist Élisée Reclus zum eigentlichen Begründer der modernen französischen Geographie geworden. Die Komplexität der Reclusschen Analyse und die unorthodoxen weltanschaulichen-politischen Aussagen des Autors, die auf verbreitete Ablehnung gestossen sind, dürften für den geringen Bekanntheitsgrad des Werks und den stark in Vergessenheit geratenen Autor verantwortlich sein. Heute allerdings ist " L’Homme et la Terre " für die aktuelle (sozial)geographische Forschung von grösstem Interesse.

2.Elisée Reclus’ Werk - "La Nouvelle Géographie Universelle"

3.Warum geriet Élisée Reclus in Vergessenheit?

Reclus in seiner Familie