GIESA, Karin, Pascal STERN, Magali STETTLER. Ein Pionier der Sozialgeographie. 2. Elisée Reclus’ Werk - "La Nouvelle Géographie Universelle"
2. Elisée Reclus’ Werk - "La Nouvelle Géographie Universelle"
Neben einer Bestandesaufnahme des Erdballs mit seinen Bewohnern und somit einer Menge an geographischer Fakten, findet man in diesem Werk auch historische, kulturelle, ethnologische, soziologische und psychologische Studien, die ein Licht auf die umfassende Bildung und Gelehrtheit des Autors werfen.
Reclus’ Hauptanliegen war die Wissensvermittlung im Dienst der Aufklärung und moralische Bildung im Sinne des Humanismus. Reclus erhoffte sich, durch seine lebensnahen Schilderungen der fremden Länder und Völker das Bewusstsein der gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft aller Menschen vermitteln zu können und im Leser ein Gefühl globaler Solidarität und Symphatie entstehen zu lassen.
2.2 Vorgehen und Methode
Er verzichtete darauf, längere theoretische Abhandlungen oder Zusammenfassungen in sein Werk aufzunehmen.Begriffe werden kaum definiert, ihr allgemeingültiger Gehalt muss jeweils konkreten Beispielen entnommen werden. Obwohl er sehr belesen war, sehr viele Besichtigungsreisen unternommenhatteund sich von vielen Reisenden und Flüchtlingen belehren liess, machte er auf Grund seiner weltanschaulichen Gesinnung nur sehr spärlich Quellenangaben. Zudem ist Reclus sehr zurückhaltend mit dem Darstellen seiner eigenen Ansicht und vermeidet es strikte, dem Leser seine persönliche Meinung aufzudrängen. Er möchte die Vielfalt der menschlichen Lebens- und Gesellschaftsformen dem Leser nahebringen und ihn damit zu eigenem Nachdenken anregen. Auf diese Weise erfüllt sich das aufklärerische Bemühen Reclus’ in der Popularisierung des Wissens und äussert sich sein Wunsch nach gesellschaftlicher Weiterentwicklung.
Reclus verfasste sein Hauptwerk nicht auf der Grundlage einer Theorie, sondern er betrachtete die Welt, die Menschen und ihr Wirken in der Natur, auf Grund seines Weltbildes, das er aber wie oben beschrieben, nie direkt ausformulierte. Beim Lesen seines Werkes wird offensichtlich, dass sein Welt- und Menschenbild von hohem Ethos getragen ist.
2.3 Aufbau und Umfang
Das Hauptwerk von Eliseé Reclus, " La Nouvelle Geographie Universelle ", schrieb er zwischen 1876 und 1894 in 19 Bänden. Das gesamte Werk umfasst 17 000 Seiten.
Am Anfang jedes Bandes steht eine kurze allgemeine Einführung. Den Hauptteil bilden einzelne Länderkapitel. Zum Schluss folgt ein Anhang mit Ortsregistern, Karten-, Abbildungs- und Inhaltsverzeichnissen.
Ein Kapitel über ein bestimmtes Land weist in seiner Grobgliederung einen festen Aufbau auf: Nach einem kürzeren Überblick mit historischen Hinweisen folgt der physikalisch-geographische Teil, der durchschnittlich rund ein Drittel des Kapitels ausmacht. Den grössten Raum nimmt mit etwa der Hälfte der humangeographische Abschnitt ein. Jedes Kapitel wird von kurzen Tabellen mit statistischen, politischen und administrativen Angaben abgeschlossen.
2.4 Der physikalisch-geographische Teil
In diesem Teil beschreibt Reclus Gebirgszüge, RÉliefe, Flussverläufe, Namensgebungen, Klimate, Floren und Faunen. Wie im sozialgeographischen Teil bringt Reclus auch hier schon immer wieder humangeographische Überlegungen ein. Er vertritt die Auffassung, dass der Mensch mittels der wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen nicht mehr Sklave der Natur sein müsse, sondern dass die Natur vom Menschen sinnvoll genutzt werden solle. Flüsse, zum Beispiel, sollen gezähmt werden, damit in Zukunft Überschwemmungen und andere Zerstörungen vermieden und ihre Energie und ihre Transportkapazität sinnvoll genutzt werden können (Jud 1987:69).
Er vergisst nie, auch auf die nachteilige Beeinflussung des Menschen auf die Natur aufmerksam zu machen. Diese basiert seiner Meinung nach auf mangelnde Fähigkeit planender Voraussicht bei der Nutzung der Natur und somit auf einem noch ungenügenden wissenschaftlichen Stand des Menschen. Er setzte sich zum Beispiel gegen die blinde Abholzung der Wälder und gegen unkontrollierte Eingriffe in den Wasserkreislauf ein. Erstrebenswert wäre für Reclus eine behutsame, wissenschaftlich abgesicherte Nutzung der Ressourcen, die auch in der Zukunft einen konstanten Ertrag garantiert.
2.5 Humangeographischer Abschnitt
Der humangeographische Teil nimmt in der N.G.U. eine zentrale Stellung ein. In diesem Hauptteil befasst sich der Autor mit der Ausbreitung verschiedener Kulturen und Rassen, dem Einfluss des Milieus auf die menschliche Entwicklung, mit den Merkmalen der Zivilisation, mit hygienischen Verhältnissen, Geburts- und Sterberaten, allgemeinen Lebensbedingungen, mit dem Verhältnis von Tradition und Fortschritt, mit Begleiterscheinungen und Folgen zivilisatorischer Prozesse, mit wirtschaftlichen Verhältnissen, mit Handel und Verkehr, mit Gesellschaft und Staat, mit Grenzverläufen und deren Willkür, mit Armut, Not und Elend, kurz mit allem, was für die Geographie und vor allem für den Menschen und die Gesellschaft bedeutsam ist.
2Bedeutung und Problematik der Zivilisation2
Nach Reclus durchlaufen die verschiedenen Kulturen verschiedene zivilisatorische Stufen. Merkmale des Standes einer Zivilisation sind die Art der Landwirtschaftsbetreibung, die spezifische Ausübung verschiedener Handwerke, Baukunst, Schrift, Sprache, Rechenkunst, Bildungsstand, Sitten und Bräuche, Sozialverhalten, moralischer und ethischer Zustand eines Volkes, das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Besitzverhältnisse und die politischen Zustände.
Reclus begrüsst die Ausbreitung der modernen Zivilisation, in der Überzeugung, dass alle Völker, die mit ihr in Kontakt kommen, den entscheidenden Impuls für ihre Weiterentwicklung zu einer aufgeklärten, freien und solidarischen Menschheit erhalten. Trotzdem erkannte er auch die negativen Seiten der Verbreitung europäischer Zivilisation. Er verurteilte die Verfolgungen und Demütigungen der Eingeborenen durch die weissen Eroberer, ebenso ihre ökonomische Ausbeutung, die Sklaverei, usw.. Reclus hoffte bis zum Schluss, dass alle Völker, auch die Europäischen, einmal durch vermehrtes Wissen eine höhere Vorstellung von Gerechtigkeit und Freiheit haben werden.
Trotz der Bedeutung, die er der westlichen Tradition mit dem hohen wissenschaftlichen Stand beimisst, wertet Reclus höher entwickelte Volksgruppen nicht automatisch als besser ein. Nach Reclus kann der " civilisé " vom " barbare " viel lernen. Am Beispiel der Inuits zeigt Reclus, dass ein " barbarisches " Volk z.B. in moralisch-ethischen Belangen durchaus höher entwickelt sein kann als die dominierende weisse Rasse.
2Verhältnis von Wissenschaft und Religion2
Wissenschaft und Religion bilden nach Reclus ein unvereinbares Gegensatzpaar.
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Wissenschaft |
Religion |
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Erkenntnis |
Glaube |
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Vernunft |
Unvernunft |
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Neuzeit |
Mittelalter |
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Hilfsmittel zur optimaleren Lebensgestaltung |
retardierendes Moment |
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Fortschritt |
Tradition |
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zivilisiert |
barbarisch |
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Vernünftiges Verhältnis Mensch-Natur: massvolle, geplante Nutzung, Pflege, Vorsorge, u.s.w. |
Unvernünftiges Verhältnis Mensch-Natur, Zerstörung der Natur: Ausrottung von Tierarten, Vernichtung von Wäldern, Raub bau an Bodenschätzen und Rohstoffen |
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Vernünftiges Verhältnis unter den Menschen |
Krieg, Mord, Hass, Unterdrückung, Ungleichheit |
2Das Verständnis von Rassen2
Es ist für Reclus selbstverständlich, dass alle Rassen gleichwertig sind. Jede Verfolgung und Ausrottung - auch der entlegensten Randpopulation - ist ein Verbrechen. Er misst jeder einzelnen Menschenrasse mit ihren positiven und negativen Merkmalen grosse Bedeutung bei. Durch den Vorgang der Rassendurchmischung, insbesondere der Vermischung von Traditionen und Sitten, erhoffte er sich eine Übertragung des Genius der einzelnen Rassen auf die Gesamtheit der Menschen. Somit leisten alle Teilgruppen (Rassen, Völker, Nationen) einen Beitrag zur vereinigten Menschheit und somit zur zivilisatorischen Weiterentwicklung.
2Reclus Milieutheorie2
Zentraler Punkt von Reclus Auffassung ist, dass der moderne Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts dank Wissenschaft und Technik in der Lage ist, sich den Unannehmlichkeiten des Milieus zu entziehen und die Schranken, die ihm früher von der Natur gesetzt worden sind, zu überwinden. Die wichtigsten Faktoren des Milieus sind die klimatischen und historischen Bedingungen einer Region. Reclus beschreibt am Beispiel der Bewohner Javas, dass die rauhen Lebensbedingungen der Bergbewohner auch zu deren rauheren Sitten führten. Ganz im Gegensatz zu den friedlichen Bauern des Tieflands, die in relativem Überfluss ein beschauliches Dasein führen (Jud 1987:76).
Reclus wendet seine Milieutheorie selten streng kausal an, vielmehr gewichtet er die umweltbedingten Einflüsse, denen der Mensch unterworfen ist, von Fall zu Fall verschieden. Der Mensch gestaltet mit zunehmendem Zivilisationsgrad sein Leben immer unabhängiger von der natürlichen Umgebung, die somit immer weniger relevant wird. Das Milieu kann nach Reclus nie dominierender Faktor für das Verständnis des Beziehungsgefüges Mensch und Umwelt sein, sondern nur zu einem gewissen Grad zur Erklärung natur- oder anthropogeographischer Befunde dienen.
2Wirtschaft und Handel2
Sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie erhofft sich Reclus durch die Aufteilung in Kleinbetriebe und das Vermeiden von jeglichen Reglementierungen mehr Eigeninitiative. Die freie Initiative und schöpferische Ausrichtung des Menschen soll gefördert und keinesfalls unterdrückt oder ausgebeutet werden. Reclus unterstreicht an zahllosen Stellen seines Werks die verheerenden Folgen von Zwang, Gewalt und Ausbeutung.
Nach Reclus lassen sich Missstände im wirtschaftlichen Bereich allerdings nicht nur auf staatlichen Zwang oder künstlich aufrechterhaltene Ungleichheiten zurückführen, sondern auf Moralvorstellungen, traditionelle Auffassungen, Charakterzüge, Mangel an Wissen und wenig entwickelten zivilisatorischen Stand. Für Reclus sind der unternehmerische Geist und die spontane Aktivität des Menschen die besten Garanten für die Entstehung von existenzsichernden Verhältnissen und Wohlstand.
Auch in diesem Bereich erkannte und beschrieb Reclus auch die negativen Seiten, die Auswüchse des Kapitalismus. Nach Reclus ist es die Aufgabe des Geographen, das Elend der wachsenden Mietskasernen, die Not der Armen, die Elendsquartiere in allen Ländern gesehen zu haben und das Gesehene schonungslos wiederzugeben. Deutliche Kritik übt Reclus zudem an den kolonialen Ausbeutungs- und Unterdrückungssystemen.
Durch eine dezentralisierte Produktion und der damit verbundenen Förderung des Handels erhofft sich Reclus zudem vermehrte Kommunikation unter den Menschen. Nach Reclus spielen Handel und Verkehr neben dem Gütertransport und dem Reisen somit auch eine zentrale Rolle für den Kulturaustausch und wirken beschleunigend auf die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit.
2Gesellschaft und Staat2
Im Mittelpunkt stehen hier ideale menschliche Eigenschaften wie Initiative, Forschungsdrang, Mut, Eigenverantwortung, Aufgeklärtheit, Bildung, Solidarität, Friedfertigkeit und so weiter. Nach Reclus ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich seinen natürlichen Neigungen folgend mit seinen Mitmenschen assoziiert und sich mit ihnen spontan in freien Gemeinschaften gruppiert. In den Prinzipien der Freiheit, des spontanen, freiwilligen Zusammenschlusses und des Föderalismus sieht Reclus die Ideale politische Organisation. Diese so entstanden autonomen Zellen sollen durch freie Vereinbarungen und einstimmig gefasste Beschlüsse geregelt werden. Als überzeugter Föderalist ist er gegen zentralistische Tendenzen. Jede Form von Zwang und Gewalt verhindern die schöpferische Entfaltung des Menschen und verletzen ihre persönliche Würde.